Ziegeleien im Edertal

Hans Poth

Über Jahrhunderte profitierten die Bewohner des unteren Edertales rund um Felsberg mehrfach von den geologischen Eigenschaften der Landschaft. Braunkohle am Heiligenberg und  Basalt in Rhünda: hier schöpfte man Lagerstätten aus, die mit der individuellen Existenzsicherung der Menschen eng verknüpft waren. Die Ausbeutung der Sand- und Kiesvorkommen dauern noch bis in die Gegenwart an. Wenig bekannt ist, dass Ton und Lehm ebenfalls wichtige Materialien für die Region waren.

Material und Vorkommen
Ton und Lehm, teilweise mit Stein oder Kohle durchsetzt,  kommen recht häufig im Edertal vor. Besonders die Hänge westlich der Eder im Kernstadtbereich und die Areale nördlich und südlich des Heiligenberges führen Lehm und Ton in oberflächennahen Erdschichten. Die Ausschöpfung der Lagerstätten erfolgte vom hohen Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert.

Einige Flurbezeichnungen wie Lehmkuhle, „Auf der Leimenkaute“ oder „In den Tonwiesen“ geben bis heute Hinweise, wo man bereits ab dem Jahre 1300 Material abgebaut haben dürfte. Als Baustoff  fand Lehm Verwendung beim Anlegen von Fußböden, beim Ausfüllen der Gefache von Fachwerkhäusern und auch beim Einziehen von Zwischenwänden oder der Stabilisierung von Außenwänden, wenn Flechtwerk bestrichen wurde.

Von der Arbeit der Ziegler
Zu dieser Zeit besaß nur die Felsburg, die Stadtkirche, die Karthause und das Rathaus, heute Gaststätte Ratskeller, eine  Dachbedeckung aus Ziegeln. Belege zu Reparaturarbeiten sowie Ersatzlieferungen finden sich im Staatsarchiv Marburg. Alle Wohnhäuser und Stallungen waren mit Stroh, Schilf oder Schindeln bedeckt. Bei den damals üblich offenen Feuerstellen waren die Bürger und ihr Anwesen somit großer Brandgefahr ausgesetzt.

Es ist zu vermuten, dass bis zu dieser Zeit das Herstellen von Ziegelgut zunächst nebenberuflich betrieben wurde. Der handwerkliche Vorgang lief in mobilen Feldbrandöfen direkt am Schürfort ab. Beim Brennen der Rohlinge verbrauchte man beträchtliche Mengen an Holz und Wasser. Lange Transportwege waren zeitraubend und damit teuer. Weil von dem Produktionsort bei hohen Brenntemperaturen Brandgefahr ausging, musste  ein großer Abstand zur nächsten Siedlung eingehalten werden.

Urkunden und Rechnungen belegen die Aktivitäten der Ziegler, die Ziegel und Ziegelsteine herstellten, aber auch Dachdeckerarbeiten übernahmen. Eng verwandt in Arbeitsweise und durch die Bearbeitung des gleichen Materials war die Tätigkeit des Töpfers, manchmal  Ullner, Potter oder auch Hafner  genannt. Bereits 1458 wird ein „tuppenmacher“ aus Felsberg erwähnt. Töpfer und Schüssler  werden im Zusammenhang mit dem Leben auf der Felsburg aufgeführt, wenn es sich um Bestellungen und Lieferungen von Tonwaren handelt, wie aus einer Rechnung von 1492 hervorgeht.

Die Ziegelordnung des Amtes Felsberg
Mit strengen Vorschriften und Auflagen wurde 1533 die Produktion für das „Ziegelei- und Ziegelbäckergewerbe“ in Felsberg geregelt. Die Stadtverwaltung hatte unterhalb der Karthause eine Ziegelei als Betrieb eingerichtet. Dieser war nach den gesetzlichen Vorgaben von Landgraf Philipp dem Großmütigen zu führen. Die Ziegelhütte sollte die Bürger der Stadt, des Amts und das einheimische „Süsterhaus“, gemeint ist damit das damals schon bestehende Hospital Sankt Valentin, beliefern. Verantwortlich waren Ziegler und Knechte unter Aufsicht des städtischen Baumeisters.

 Die Ziegelordnung gibt genaue Hinweise zur Produktion. Der im Gelände gestochene Ton wurde nach Reinigung in Gruben eingesumpft oder auf einen Hügel geschichtet, um einen Winter durchzufrieren.  Danach wurde er zerkleinert und unter Zusatz von Wasser in Holzformen gedrückt. Der ausgeformte Rohling konnte dann an der Luft oder bei hohen Brenntemperaturen getrocknet werden.

Bis 1614 befand sich der Betrieb in städtischem Besitz und ist dann vermutlich privat an Handwerker weiter verpachtet worden. Vorzugsweise sollten einheimische Bürger versorgt werden. Schließlich galt auch in Felsberg ein  landgräfliches Gesetz, wonach Strohbedeckung wegen Feuergefahr untersagt wurde. Ein verbilligter Verkauf der Ziegel, der durch landesherrliche Subventionierung getragen wurde, steigerte den Bedarf zusätzlich. Sogar ein Steuernachlass wurde gewährt. Dennoch, nur noch Ziegeldächer in Felsberg dürfte es erst ab 1800-1820 gegeben haben, das lassen die Überprüfungen von Urkunden zu.

Weitere Abbaustellen
Auf der Karte des Kurfürstentums Hessen, Blatt Felsberg von 1857, ist eine Ziegelhütte östlich des Mittelhofs an der Straße nach Melgershausen verzeichnet. Diese Ziegelei wurde bereits 1742 als herrschaftlicher Betrieb an Kornelius Lipphard für 20 Taler verpachtet.

Noch 1905  bewerteten Geologen die Mächtigkeit von Flözen nördlich des Heiligenbergs als unbedingt abbauwert, sodass sogar „der Bedarf einer großen Tonwarenfabrik gedeckt werden kann“. Laut Gutachten eigne sich der Ton zur Herstellung von Dachziegeln, gelben Verblendern,  Radialziegeln und Fußbodenplatten.

Nach den geologischen Erläuterungen zum Blatt Gudensberg von 1906 gab es eine alte Ziegelhütte im Speckenbachtal mit der Angabe „ südlich von Gensungen“.

Mitte des 19. Jahrhunderts war eine Ziegelei am Sälzer Weg in Felsberg eingerichtet worden. Diese bestand sogar noch bis 1965 und wurde von der Familie Wiegand betrieben. Gerade in der Phase des Wiederaufbaus nach dem II. Weltkrieg prosperierte der Betrieb. Wenige Jahre produzierte auch noch das Bauunternehmen Fröhlich, Gensungen, auf dem Gelände.

Ziegelsteine aus einheimischer Produktion
Obwohl in Felsberg  durch Basalt- und Sandsteinvorkommen Natursteine vorhanden sind, gibt es dennoch markante Ziegelsteinhäuser aus der Gründerzeit wie Post- und Schulgebäude und ehemalige Gasthäuser. Einzelne Bürgerhäuser- setzen bei  häufig großzügiger Bauweise mit repräsentativem Charakter- neben Fachwerkhäusern im Stadtbild und bei Straßenfluchten in den Dörfern, besondere Akzente und verraten einen gewissen Wohlstand ihrer Besitzer.

 

animiert Ziegeilei