Alter Neidkopf auf der Felsburg

Selbst wenn derzeit Winterpause ist und deshalb Burg- und Stadtführungen in Felsberg nicht stattfinden können, gibt es für den Kulturwart Hans Poth vom  Burgverein genügend  zu tun.
Burg und Stadt sind sehr gut im Internet präsentiert und so erreichen ihn ständig Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet.

Ob zur gesamten Burganlage, zur Turmbeschaffenheit, zur Geschichte der Grafen von Felsberg oder auch zur historischen Entwicklung der Altstadt, zur Stadtmauer und zur Jakobskapelle, alle Themen verlangen eine intensive Bearbeitung.

Dieser Tage erhielt der Burgverein eine  Anfrage von einem bayrischen Historiker zu einer ausgefallenen Thematik von mittelalterlichen Bauwerken. Der Wissenschaftler verfasst eine Abhandlung über Neidköpfe in Deutschland. In diesem Zusammenhang bat er auch um Informationen über den Neidkopf an der Felsburg.

Man muss schon genauer hingucken, um das reizvolle Baudetail zu entdecken und auch zu erkennen. In 7 m Höhe am westlichen Eingangsturm zur Burg sitzt er über den Maschikulis, den ehemaligen Gusslöchern.  Aus einem hellbraunen Sandsteinquader wurde in Form eines Reliefs ein Gesicht mit langen Haaren heraus gemeißelt. Möglicherweise wurde der 4o cm hohe  Stein auch fertig bearbeitet im Turm vermauert.

Jahrzehntelang ordneten Historiker den Kopf einer Frau zu. Hier hegt Poth mittlerweile erhebliche Zweifel, denn andere Neidköpfe, manchmal sogar in ganzen Figuren, konnten überwiegend eindeutig als männlich in der Darstellung identifiziert werden. Leider führten widrige Umwelteinflüsse dazu, dass im Laufe der Zeit der Steinfraß dem Kopf stark zusetzte.

Eine früher vorhandene Zunge hatte einst das Gesicht in seiner maskenhaften Steifheit ergänzt. Die eindeutige Gebärde der herausgestreckten Zunge dürfte dem Gesicht einen defensiven oder sogar aggressiven Charakter verliehen haben.

Wie ist die Entstehung des Begriffes  zu erklären? Das Wort Neid hat in seiner heutigen Verwendung seit dem Mittelalter eine Bedeutungsverengung erfahren. Abgeleitet von dem altdeutschen „ nid“,  das gleichzusetzen ist mit Zorn und Hass, also jede Art von feindseliger Haltung, versteht man das Wort heute nur noch im Sinne von Missgunst.

Ähnlich wie an anderen Wehranlagen oder sogar Fachwerkhäusern diente auch der Neidkopf der Felsburg nach dem Selbstverständnis der damaligen Bevölkerung zur Abwehr dämonischer Mächte und war gleichzeitig gegen Menschen gerichtet, die sich mit böser Absicht der Burg näherten. Insbesondere im Kriegsfalle erhoffte man sich Beistand für die eigene Truppe und eine Abwehr der anstürmenden Feinde. Die Angreifer wurden verunsichert
und ihnen die Aussichtslosigkeit ihrer Belagerung verdeutlicht. Verspottung und Verhöhnung sowie Schrecken und Abscheu schlugen ihnen entgegen. Das grenzte schon damals an  psychologische Kriegsführung.

Vermutlich entstanden ist der Kopf zwischen 133o – 139o im Rahmen einer wachsenden strategischen Bedeutung der Felsburg. Die Landgrafen Heinrich II. und Hermann II. führten kriegerische Auseinandersetzungen mit dem Erzbistum Mainz um die Vorherrschaft im Edertal. Mit der militärischen Aufwertung erfolgte der Ausbau der Burg um den  Bergfried sowie den heutigen Eingangsbereich. Eine zusätzliche Verstärkung stellte die nach Norden hin errichtete Zwingeranlage dar, an deren Eckturm sich der Neidkopf befindet.

Nach Einschätzung von Poth ist auf der Felsburg einer der ältesten Neidköpfe der Region zu sehen.

Neidkopf

Foto: Norbert Jungermann