Markt in Felsberg

Hans Poth

Schon seit einigen Jahren steht in Felsberg der kleine  Platz zwischen der Nikolai-Stadtkirche und der Gaststätte „Zum Ratskeller“ mindestens zweimal pro Jahr  im Mittelpunkt der  Drei-Burgenstadt. Auf dem eher unbedeutend wirkenden Platz finden in unserer Zeit das Marktplatz- und Weinfest im Sommer  sowie der Weihnachtsmarkt am 1.Advent statt. Für beide Veranstaltungen, die einen großen Anklang bis weit in die Region finden, zeichnet sich gemeinsam mit der Stadt Felsberg der rührige einheimische Burgverein verantwortlich. Wenig bekannt dagegen ist, dass Marktgeschehen in Felsberg seit dem hohen Mittelalter eine kleinstädtische Tradition besitzt.

Ortsbeschreibung

Der unbefangene Betrachter begreift die Straßenflucht  der Straße „Im Bessenhof“ in die Ritterstraße als normale Einmündung zweier Straßen. Die östlich der Kirche sowie westlich des früheren Rathauses breiter angelegte Fläche mutet  eher wie ein Lagerplatz an, der im Bedarfsfall für dort ansässige Amtsgebäude genutzt werden konnte. Dass sich hier einmal der Markt von Felsberg befand, ist kaum zu vermuten, darf aber als belegt gelten. Dafür spricht auch die noch heute aktuelle Verkehrsbezeichnung “Am Marktplatz“ für die dortigen Häuser. Genauer betrachtet müsste man allerdings angesichts räumlicher Enge vielmehr von einer Marktstraße, einer organisatorischen Vorform des Marktplatzes sprechen.

Grundsätzlich verrät die Ausgestaltung eines Marktplatzes  einiges über die wirtschaftliche Bedeutung  des Marktes für die Stadt und für die umliegenden Dörfer. Größe und Ausgestaltung der dort errichteten Häuser erzählen vom entsprechenden Wohlstand einer Stadt. Wenn auch das ehemalige Rathaus und die Stadtkirche für Felsberg Stadtbild prägend sind, geht von dem Marktplatz nur eine schlichte Wirkung aus. Ein Vergleich sei erlaubt: in direkter Nachbarschaft zu Felsberg gibt es weitere Kleinstädte; deren Marktplätze sind gewiss großzügiger und schmuckvoller gestaltet. Dennoch kann man sich als Betrachter dem herben Charme dieses Teiles der Felsberger Altstadt nicht entziehen. Fachwerkhäuser in engen Gassen verbreiten heute  eine beschauliche mittelalterliche Atmosphäre und gewähren in verschiedenen Sichtachsen abwechslungsreiche Eindrücke.

Der Verlauf der Straßen in der Altstadt trägt in einer stadtgeografisch ausgesprochen seltenen Form den topografischen Bedingungen des Geländes Rechnung. Viertelkreisförmig in der Führung schmiegen sie sich konzentrisch um die Basaltkuppe des Burgberges. Kleinere Verbindungsstraßen laufen radial auf den Marktplatz als  Mittelpunkt der mittelalterlichen Siedlung zu. Der Standort musste vor Hochwasser geschützt sein, was auch durch die Terrassenlage der Straßenanordnung gewährt ist.

Schon seit dem hohen Mittelalter waren zwei Fernstraßen für Felsberg von Bedeutung: die vom Werra-Gebiet aus ins Rheinland führende Sälzer Straße sowie die in Nord-Südrichtung verlaufende Handelsstraße zwischen Kassel und Frankfurt. Freilich dürften diese überörtlichen Verbindungen für das Felsberger Marktgeschehen nur partiell Auswirkungen gebracht haben.

Markt als wirtschaftlicher Mittelpunkt im Mittelalter

Der Markt war im Mittelalter das  wirtschaftliche Zentrum einer Stadt. Man unterschied zwischen Wochenmarkt und einzelnen Markttagen, die nach Bedarf und auch Feiertagen auf das ganze Jahr über verteilt waren. In Felsberg trafen sich die Bauern mit den Handwerkern und Kaufleuten. Die meisten Bauern des Mittelalters fertigten ihre Werkzeuge und auch ihre Kleidung noch selbst an. Daher benötigten sie den Markt nur im geringen Umfang, um sich mit Ware einzudecken. Für sie war der Markt ein Ort, an dem man Güter aus der eigenen Produktion anbot.

Kaufleute und Handwerker dagegen waren Spezialisten in ihrem eigenen Gewerbe und mussten Lebensmittel, Kleidung und Fertigwaren kaufen. Der Markt war der Ort, an dem   man seine Handelsgüter und Erzeugnisse  verkaufte und gleichzeitig den individuellen Eigenbedarf deckte. Sicher führte der Markttag in Felsberg zu einer Begegnung zwischen Stadt und Umland. Doch dürfte sein Einzugsbereich nur begrenzt gewesen sein: von Melsungen bis Fritzlar sowie von Homberg bis vor die Tore Kassels.

Die Wirtschaft Felsbergs war agrarisch-kleingewerblich geprägt. Die Kaufkraft der Bewohner aus umliegenden Dörfern war gewiss nur zu einem geringen Teil in der Lage der Wirtschaft Felsbergs zusätzliche Impulse zu vermitteln.

Der Markt im mittelalterlichen  Felsberg war ähnlich wie in anderen Städten auch in mehrfacher Form geregelt, um sowohl den Produzenten der Marktware als auch den Konsument in Konfliktfällen zu schützen. Verkaufsbestimmungen waren einzuhalten und wurden von dafür vorgesehenen Einrichtungen und Personen überwacht. Der Marktfriede wurde durch die städtischen Behörden gesichert. Wenn auch vermutlich kein hauptamtlicher Marktmeister von dem Landesherrn eingesetzt war, dürfte es Beauftragte gegeben haben, die diese Funktion wahrnahmen. Möglicherweise war es auch eine Aufgabe der Burgmannen das Marktgeschehen auf seine Rechtmäßigkeit und den ordentlichen Ablauf zu überwachen. Sie dürften dann auch von städtischen Ordnungsbehörden unterstützt worden sein.

Anfänge

Das Recht einen Markt abzuhalten, war im Mittelalter für die Entwicklung einer Siedlung als Vorstufe zum Stadtrecht anzusehen. Für die Gründung eines Marktes dürften in Felsberg die einheimische Burg sowie die Sälzer Straße ausschlaggebend gewesen sein. Damit war die Stadt als Standort und auch als Wohnort attraktiv. Da das Stadtrecht in Felsberg seit 1286 nachgewiesen ist, darf das Marktrecht  auf vorher datiert werden. Vermutlich waren es die Landgrafen von Thüringen,  die das Regal an die Stadt verliehen. Auf jeden Fall war es eine Aufwertung für die Burggemeinde, die sehr oft im Mittelpunkt politischer und militärischer Auseinandersetzungen zwischen der Landgrafschaft und dem Erzbistum Mainz stand.

Ein gesicherter Nachweis zum Felsberger Marktgeschehen stammt aus dem Ende des 14. Jahrhunderts. Eine Kaufhaus-  und Marktordnung, die 1388 von Landgraf  Hermann erlassen wurde, regelte die  Vorgänge rund um den Markt.  Das damit für die Stadt verbundene Privileg darf man auch als Ordnungsmaßnahme verstehen, nachdem es in Felsberg, ähnlich wie in anderen Städten Niederhessens,  1376 und in den folgenden Jahren zu Unruhen gekommen war. Gemäß dieser Ordnung mussten alle Felsberger Bäcker, Metzger, Schuhmacher und Gewandschneider ihre Verkaufsstände im damals neu errichteten Kaufhaus haben. Einheimische Kaufleute besaßen bevorzugte Verkaufsrechte. Händler aus benachbarten Städten durften ebenfalls dort ihre  Ware, wenn auch gegen einen Aufpreis beim Standgeld, anbieten. Das Gebäude muss man sich an der nördlichen Seite des Marktplatzes vorstellen.

Zünfte lassen  sich für das spätmittelalterliche Felsberg noch nicht belegen. In einer Amtsrechnung von 1455 sind an für das Marktgeschehen bedeutenden Berufen  nachgewiesen: ein Leineweber, drei Bäcker, ein Krämer und ein Metzger. Laut Rechnung kamen zum Verkauf: Eier, Kerzen, Schönbrot, Honigkuchen, Beeren, Gewürze, frische Butter, Zwiebel, Petersilie, Wein in verschiedenen Güteklassen,  Schollen und Bücklingen. In Felsberg wurde für hiesige Verhältnisse eine  intensive Schafhaltung betrieben. Dies dürfte sich auf den  Handel mit Wollware ausgewirkt haben.

 In einer Amtsrechnung von 1464 sind weitere Berufe erwähnt, die damit das mittelalterliche Bild zu Felsberg abrunden: Dachdecker, Schmied und Zimmermann. In dieser Zeit besteht eine Herberge in Felsberg, die sich in landgräflichem Besitz befindet und von einer Frau als Hausvorsteherin geleitet wird.

Eine wichtige Rolle in der Stadtwirtschaft und damit auch für den Marktbetrieb in Felsberg spielte die neben der Stadtkirche gelegene Deutschordenkommende. Dort lag der Schwerpunkt  im Frucht- und Getreideanbau, von deren Erlös man kirchliche und politische Maßnahmen finanzierte.

Märkte im Jahresverlauf 

Abgesehen von einer durchgängig gebotenen Grundversorgung variierte die Funktion der Jahrmärkte im Jahreslauf. Im Frühjahr kaufte man Vieh zum Mästen und Saatgut zum Bestellen der Felder. Der Herbst stand im Zeichen der Ernte und war mit dem Erwerb und Verkauf von schlachtreifem Vieh verbunden.

Im hohen Mittelalter gab es zwei Jahrmärkte in Felsberg, zwei weitere wurden später durch Landgraf Phillip der Großmütige genehmigt. Der Spatenmarkt war immer der erste Markt und fand zur Fastnachtszeit statt. Verknüpfungen mit volkstümlichen Sitten und Gebräuchen liegen nahe. Der Jacobimarkt, zu Ehren des Heiligen Jakobis abgehalten, war ein echter Sommermarkt. Zum 1. September gab es den Ägidiusmarkt, auf dem man seinen Bedarf für die kalte Jahreszeit bereits deckte. Schließlich gab es zu Anfang Dezember noch den Christ- oder Nicolaimarkt. Bekanntlich war Nicolaus der Schutzpatron aller Kaufleute.

Nach Lager-, Stück- und Steuerbüchern von 1750 gibt es in Felsberg folgende Berufe, die von den abgehaltenen Märkten profitiert haben dürften: Bäcker, Metzger, Krämer, Schneider, Schumacher, Leineweber, Sattler, Schmied, Schlosser, Eisenhändler, Drechsler, Fassbinder und Wagner. Ob der aufgeführte Stadtchirurg auch auf dem Marktplatz praktizierte, wie es zu dieser Zeit durchaus noch üblich war, ist nicht bewiesen.

Bestrebungen, die Märkte zu verlegen, um damit einen anderen Marktrhythmus im Laufe des Kalenderjahres zu erreichen, hatten 1764 keinen Erfolg. Hingegen wurde 1782 sogar ein fünfter Markt  eingerichtet. Der gesteigerte Bedarf scheint vorhanden gewesen zu sein bei den Bürgern der Stadt und ihrer Umgebung.

In einer Steuerliste von 1858 tauchen zusätzlich zu den bereits erwähnten Berufen noch auf: Böttcher, Holzhändler, Korbmacher, Glaser, Apotheker, Wollhändler, Seiler, Riemer, Färber Blechschmied, Buchbinder, Näherin und Putzmacherin. Ausdrücklich erwähnt wird, dass die 5 Märkte noch abgehalten werden, wenngleich ihnen jetzt nur geringe Bedeutung zukäme.

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen werden regelmäßig nur noch drei Märkte abgehalten, die wie folgt lagen: Ende Februar, Mitte Mai und am vierten Advent.

Wie sieht es heute aus?

Die Märkte des Burgvereins, widmen sich mehr dem geselligen und kulturellen Bereich kleinstädtischen Lebens, sie besitzen eher Volksfestcharakter mit einer hohen Akzeptanz in der Bevölkerung.

Andere Ziele verfolgt die lokale Wirtschaft. Verschiedene  Veranstaltungen der einheimischen Werbegemeinschaft verdeutlichen das Bemühen, an die Felsberger  Markttradition anzuknüpfen. Handel, Handwerk, Gewerbe sowie Verwaltung stellen sich dar. Dabei entsteht ein Spiegelbild der lokalen Wirtschaft; auch heute ist Felsberg, das, was es schon immer war: ein Kleinzentrum im Edertal. Seine Bedeutung für das Umland wächst ständig.