Landgraf Ludwig I. von Hessen und sein Alchemist Claus von Urbach

Wie ein ehrgeiziger Landgraf von einem Scharlatan reingelegt wurde

Hans Poth

Der Alchemist Claus von Urbach gilt als zwielichtige Persönlichkeit in der Geschichte der mittelalterlichen Kleinstadt Felsberg. Von 1455-58 lebte und wirkte er auf der Felsburg. Mit seiner Familie und sogar eigenen Bediensteten dürfte er dort ein beschauliches Leben geführt haben. Bei freier Kost und Logis stand er unter dem besonderen Schutz des Landgrafen Ludwig I von Hessen. Ludwig, der Religion und den Geheimwissenschaften stark verbunden war, trug den Beinamen „der Friedfertige“. Als direkter Nachfahre der Heiligen Elisabeth und damit- nach den Vorstellungen der damaligen Zeit- auch der Erbe ihrer Tugenden, war ihm diese Bezeichnung von Papst Nikolaus V. verliehen worden.

Ludwig I., ein Reformer
40 Jahre lang war er Regent und sorgte in Niederhessen für die Stärkung der territorialen Landesherrschaft. Dabei hatte er sich stets um Modernisierung und Ausbau von Justiz, Verwaltung und Wirtschaft im Inneren bemüht. Gerichts- und Polizeiordnung wurden reformiert. Mit ihm wurden die Verwaltungsposten wie Amtmann und Rentmeister eingeführt. Bei Umsetzung ordnungspolitischer Maßnahmen waren Glücksspiel und Zechen nach dem Abendgeläut unter Strafe gestellt. Seine Leistung wurde von der territorialen Geschichtsschreibung stets hoch anerkannt. Manche Historiker bezeichnen ihn sogar als den zweiten Gründer der Landgrafschaft Hessen.

Die Reformen waren jedoch mit vielen Geldausgaben verbunden und die Staatskassen wurden zusehends leer. Fehlendes Kapital konnte nicht immer über Steuererhöhung beschafft werden. Deshalb glaubten manche Landesherren wie auch Ludwig, gemäß den Vorstellungen der damaligen Zeit, auf irrationalem Weg zu Reichtümern zu kommen. So suchte man die Verbindung zu Personen, die vorgaben, übersinnliche Kräfte zu besitzen.

Claus von Urbach, Wissenschaftler oder Scharlatan?
Claus von Urbach gab sich, wo er auch gerade lebte, als Kenner „geheimer Wissenschaften“ aus und mit dunklen Mächten in Verbindung zu stehen. Historisch nachgewiesen ist sein Aufenthalt in den Klöstern Grünberg und in Spießkappel. Alchemisten konnten angesehene Wissenschaftler, jedoch auch Scharlatane und Betrüger sein. Ihr Fachwissen leiteten sie aus Chemie, Pharmazie, Geologie und Biologie sowie Theologie und Magie ab. Häufig nutzten sie bei ihren Aktivitäten Angst und Gutgläubigkeit der Menschen aus.

Labor auf der Felsburg
Landgraf Ludwig richtete auf der Felsburg ein Labor ein, wo sich Urbach den Geheimwissenschaften widmen konnte. Im Staatsarchiv Marburg befinden sich noch heute Belege und Rechnungen, die auf eine Anschaffung chemischer Geräte wie Kolben, Tiegel, Öfen und Kesseln hinweisen. Ferner gibt es Aufzeichnungen zu Ingredienzien wie Quecksilber, Alaun und Essig. Aus den Teichen Niederhessens beschaffte er sich Alaunerde, eine Mischung aus Tonerde und erdiger Braunkohle.

Stein der Weißen entdecken und Gold erfinden?
Ludwigs Interesse an der der wissenschaftlichen und der voller Geheimnissen umwitternden Arbeit Urbachs war sehr groß und seine Förderung nicht uneigennützig. Bei den verschiedenen kriegerischen Auseinandersetzungen, die der Landgraf führte, erhoffte er sich die Erfindungen von Waffen, die ihm machtpolitische Vorteile verschaffen und für ein Auffüllen der Staatskasse sorgen sollten.
Mit mystischen Zusagen konnte Urbach dem Landgrafen ein nobles Leben über drei Jahre abringen: Zunächst gab es das Versprechen, dass er den Stein der Weisen finden werde. Dies verhieß Glück, Gesundheit und ewiges Leben. Zauber und Magie spielten dabei eine Rolle, aber auch profundes Wissen um Vorgänge in der Natur. Ein weiteres erklärtes Ziel war die Schaffung von künstlichem Gold.

Bürger lachten
Drei Jahre waren ihm zwar als Zeit für sein Vorhaben eingeräumt worden, doch der Alchemist hatte kein positives Ergebnis vorzuweisen. Bedienstete des Landgrafen jagten Clauss von Urbach darauf hin samt Familie aus dem Land. Schließlich soll er im Kloster Corvey an der Weser Aufnahme gefunden haben und dort gestorben sein. In der Felsberger Bürgerschaft hatte man sich jedoch noch lange lustig gemacht, weil der sonst so kluge und strenge Landgraf der Scharlatanerie eines Alchemisten zum Opfer gefallen war. Von Landgraf Ludwig ist nachgewiesen, dass er sich intensiv den Geheimwissenschaften weiter gewidmet und an seinem Hof in Kassel einige Wissenschaftler um sich geschart hatte. Hier soll es auch zu Rivalitäten gekommen sein, die den Verdacht nährten, Landgraf Ludwig I. sei nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern vergiftet worden.