Hospital in Felsberg: Eine historische Stätte der Fürsorge

Hans Poth

Seine Jahre sind ihm schon von Außen her anzusehen: das St. Valentins- Hospital von Felsberg, im Volksmund auch das „alte Hospital“ genannt. Gemeinsam mit der Jakobskapelle und dem gegenüberliegenden ehemaligen Brauhaus formieren sich diese Gebäude zu einem stadtbildprägenden Portalsensemble für die Altstadt. Das heutige Haus, ein zweigeschossiges Fachwerkgebäude mit prägnantem Zwerchgiebel, stammt immerhin aus dem Jahr 1692.  Einst  galt die Einrichtung als unverzichtbarer Bestandteil mittelalterlicher und neuzeitlicher kleinstädtischer Infrastruktur und war damit ein Abbild damaliger Gesellschaft. Zwischen der modernen Anlage des Seniorenzentrums  Haus St. Valentin und der Friedhofskapelle gelegen, verfällt in den letzten Jahren allerdings zusehends ein Stück Felsberger Stadtgeschichte immer mehr. Will man das Gebäude retten, ist zeitnah eine  Sanierung dringend erforderlich.  

Politisch-wirtschaftliche Lage Felsbergs 1360
Der hessische Landgraf Heinrich II. begünstigte 1360 Felsberg in  besonderem  Maße - nicht ohne politische Absicht- und verlieh der Stadt zwei Privilegien mit wirtschaftlichem Hintergrund: Dabei handelte es sich um die Schenkung des Markwaldes Beuerholz an die Stadt sowie an verschiedene Bürger. Teilweise profitierten auch Bewohner umliegender Dörfer davon. Zusätzlich erteilte er der Stadt das Monopol auf Wein-, Frucht- und Branntweinausschank. So wurden Einkommens- und Vermögensverhältnisse aufgebessert und die Position Felsbergs im Wettstreit und Konkurrenz zu umliegenden Städten gestärkt. Es war aber auch eine politische Machtdemonstration.  Der Landgraf  verdeutlichte so gegenüber Fritzlar, das zum Erzbistum Mainz gehörte, seine Ansprüche auf die  politische Vorherrschaft in der Region. Hinzu kamen noch die Errichtung der Stadtmauer und die zusätzliche Befestigung der Felsburg am Bergfried und am Zwinger.

Gründung der „mildtätigen Stiftung“
Ganz anderer Art war die dritte Stiftung, ebenfalls aus 1360: Geprägt vom christlich-gläubigen und karitativen Geist der Zeit bekam Felsberg eine „mildtätige Stiftung“. Es war eine Stätte der Fürsorge  unter der Trägerschaft von kirchlichen Institutionen, die Armen, Kranken, Bettlern, Witwen und Waisen ihre Leiden lindern und ihnen auch materiell aus Nöten helfen sollte.

Ähnlich wie in vielen anderen hessischen Städten wurde damit auch in Felsberg der christlichen Liebestätigkeit des Mittelalters Ausdruck verliehen. Aus  Privatbesitz spendeten Begüterte den Fürsorgeeinrichtungen Geld und in zahlreichen Testamenten war ein Teil mildtätigen Zwecken vorbehalten. Bereits zu dieser Zeit wurden geistliche und weltliche Institutionen oft wie Wirtschaftsbetriebe geführt. Der  daraus resultierende Erlös floss den Stiftungen zu. Getragen, von einem allgemein religiösen Bewusstsein, wie es heute kaum vorstellbar ist, war es selbst für weniger vermögende Leute in einer Kleinstadt wie Felsberg eine gesellschaftliche Verpflichtung, nützliche Dinge des Alltags wie Hausrat oder Kleidungsstücke dem Hospital und damit dessen Bewohner und Nutzer zu übereignen.

Durchgangsort für Pilger
Die Nähe zur  St.Jakobs-Kapelle und zum Friedhof war sicher ein wichtiger Grund bei der Wahl des Standorts für das Bedürftigenhaus. Hinzu kam die Lage vor dem Obertor und damit vor der ummauerten Stadt. In unmittelbarer Nähe verliefen die Straßen nach Melsungen und Fritzlar oder Gudensberg sowie nach Kassel und Homberg. Viele Reisende, insbesondere auch Pilger, passierten das Hospital und diese hinterließen einen beträchtlichen Anteil an Almosenstiftungen.

Als Pilger-Durchgangsort war das Hospital ursprünglich ebenfalls nach St. Jakob benannt worden, aber ein 1425 St. Valentin geweihter Altar dürfte in seiner Zeit so bedeutungsvoll gewesen sein, dass dieser Name schließlich auf das gesamte Gebäude übertragen wurde und von da an nur noch vom St. Valentins–Hospital in Urkunden gesprochen wurde.

Besonders wichtig: Zur Versorgung mit Trinkwasser, aber auch für  hygienische Maßnahmen an Alten und Kranken, wurde Wasser in ausreichendem Maß benötigt. Drei noch heute sprudelnde Quellen des nahe gelegenen ehemaligen Berenteiches deckten hierfür in ausreichendem Maß den Bedarf.

Unterstützung durch Bürger
Trägerschaft und Verwaltung lagen in Verantwortung der Stadt. An der Spitze standen zwei von kommunalen Gremien berufene Vormünder, die für die Wirtschaftsführung des Hospitals Verantwortung trugen. Die Stiftungssatzung bestimmte den Stadtpfarrer als Vorsitzenden, der Bürgermeister war sein Stellvertreter. Das Ziel der Stiftung war, alten und kranken Menschen aus Felsberg eine Unterkunft zu gewähren. Aufgaben und Organisationsform haben sich nur geringfügig verändert und bis in die Gegenwart ihre Gültigkeit behalten, wie sich durch die Stiftungssatzung nachweisen lässt.

Von 1435-1568  gab es regelmäßig Kontrollen, die recht häufig von Einkommen berichteten, die aus Verpachtung und Einnahmen, aus Verkauf von Ländereien sowie aus Verkauf von Naturalien oder von Geldspenden herrührten.
Die Besitzverhältnisse wurden von dem Visitator Heinz von Lüder 1532 in einer Neuordnung geregelt. Zugrunde gelegt hatte er dabei die von Landgraf Philipp bereits 1522 dem Hospital zugeordnete Stiftung von jährlich 28 Gulden, 4 Albus 3 Heller und 2 ½ Malter Frucht. Überhaupt galt Philipp als der wichtigste Förderer des Hospitalswesens in Hessen. Im Zug der Reformation hatte er viele Kirchengüter säkularisiert und in mildtätige Stiftungen umgewandelt.  

Gleich mehrfach stellten Bürger von Felsberg ihr Lehen dem Hospital freiwillig zur Verfügung. Das führte zu einer Erweiterung der wirtschaftlichen Basis des Hospitals. Der von der Kirche getragene „Armenkasten“ war über Jahrhunderte ebenfalls Unterstützer des Hospitals. Der Rat der Stadt ließ jährlich eine Stiftung von „grau Tuch“ den Hospitaliten zukommen, damit diese sich einkleiden konnten.

Eine Karte Felsbergs aus dem 16. Jahrhundert weist Flurnamen auf, die bis in unsere Zeit noch Gültigkeit haben: „Am Siechengarten“ (sechengoarten) -heute Ederweg- sowie die „Hospitalswiese“ (hingerm spittel)  rund um die Lohrer Straße. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war das Hospitalswesen in Felsberg - gemäß einer Rechnung- in ein kleines und ein großes Haus aufgeteilt.
 
Bemerkenswert: Auch ein halbes Lehen der Kirche Böddiger wurde dem Hospital in Felsberg zugeführt. Die Gemeinde Böddiger sollte im Gegenzug das Recht haben, einen oder mehrere ihrer Armen im Hospital unterzubringen.

Anfangs des 19.Jahrhunderts scheint der Zulauf zum Hospital in Felsberg besonders  groß zu sein, wird doch das Haus 1839 nach Westen hin sogar noch erweitert.

Jüngste Vergangenheit und Perspektiven
Der innere Zuschnitt der Räumlichkeiten stimmt noch heute in  Form und Funktion mit dem ursprünglichen Gebäude weitestgehend überein. Wohnzellen, die von einem zentralen Flur erreichbar sind, sowie Gemeinschaftsräume waren bis zur letzten Nutzung stets an den Bedürfnissen eines Hospitals orientiert. Noch in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wohnten immerhin  10 ältere bedürftige Damen im Haus. Seit rund 15 Jahren steht die Immobilie leer.

Leider befindet sich die Bausubstanz in einem maroden Zustand. Über die weitere Verwendung des Gebäudes gibt es verschiedene Vorstellungen. Die von der Kommune in Auftrag gegebene Machbarkeitstudie enthält einige Vorschläge. Stadt und Evangelische Kirche sind derzeit freilich mit der finanziellen Umsetzung weit überfordert. Experten sprechen von 1,5-2 Millionen € für Sanierungsmaßnahmen und Einrichtungsbedarf. Eine realistische Lösung scheint nicht in Sicht. Nur ein ausgesprochen kommunalfreundliches Landes- oder Bundesfördeprogramm, die Kooperation mit dem benachbarten Altenheim oder ein finanzstarker Partner könnten für das markante Gebäude, das als Zeuge aus der Felsberger Stadtgeschichte bis in unsere Zeit überlebt hat, die Rettung bringen.

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