Gefängnisgebäude in Felsberg
Hans Poth

Mit Verleihung der Stadtrechte für Felsberg, urkundlich auf 1286 datiert, wurden im Laufe der Zeit  zentrale landgräfliche Institutionen eingerichtet. Gesetzliche Vorgaben führten dazu, daß die Stadt an Bedeutung in Niederhessen gewann. Marktrecht, Stadtmauer, landesherrschaftlichen Verwaltungseinrichtungen sowie Schankrecht waren sichtbare Zeichen einer aufstrebenden und auch von hessischen Landgrafen geförderten Stadt. Neu war auch ein separierter Kerker für Gefangene oder später auch ein besonderes Gebäude. Bereits im 16. Jahrhundert ist die Gefängnisstrafe in der Landgrafschaft Hessen-Kassel eine selbstverständliche Strafe und der Anwendungsfall wird in zahlreichen Gesetzen beschrieben. Entsprechend mussten auch Räumlichkeiten für Gefangene zur Verfügung gestellt werden.

Kerker im Burgturm

Vereinzelt gab es auch in Niederhessen schon im hohen Mittelalter Inhaftierungen, die eher als individuelle Gefangennahmen zu verstehen waren. Bei Fehden wie Überfällen, Schlachten oder Streitigkeiten wurde Beute gemacht. Neben Menschen ging es dabei um wertvolle Tiere und verwendbare Waffen. Besondere Gefangene, wie Anführer des gegnerischen Heeres oder deren Meute, wurden in den Kerker gesperrt.

In Felsberg befand sich der Kerker im Erdgeschoss des Bergfriedes der Felsburg. Der Zugang erfolgte vom 2. Stock durch das „Angstloch“, eine Deckenöffnung, die zu einem finsteren Verlies führte, aus dem man ohne fremde Hilfe nicht mehr herauskam. Über langwierige Verhandlungen sollten Gefangene jedoch ausgetauscht werden, um einen hohen Geldbetrag einzulösen. Auch kamen zahlungsunfähige Schuldner auf Initiative  privater Gläubiger hinter Gitter. Freilich führten mangelhafte Verpflegung sowie allgemeine schlechte Lebensbedingungen auch manchmal zu Krankheiten und sogar zum Tod der Gefangenen.
 

Stadttore werden Gefängnis

Als Felsberg größer wurde und ein höherer Bedarf an Gefängnisraum bestand, wurde der Turm des Obertores bei der Verhängung von Freiheitsstrafen benutzt. Der Bau dürfte mit  der Entstehung der Stadtmauer, ca. um 1500, zusammen fallen.  Bis 1848 bestand die bauliche Anlage, um danach abgerissen zu werden. Zeitlich parallel wurde auch das Untertor mit Turm als Stadtgefängnis benutzt. Etwa 6 bis 8 Meter im Durchmesser bestand er aus vier Stockwerken und erreichte eine Höhe von 10 Meter. Erbaut 1623 diente er als Bollwerk der Stadt im 30-jährigen Krieg. Daß gerade jetzt ein Gefängnis eingerichtet wurde, hatte vermutlich mit der erhöhten Kriminalitätsrate unruhiger Zeiten zu tun. Das Aufsichtspersonal bestand aus einem Gefangenenaufseher und einem Schließerknecht.

Zusätzlich befand sich in dem Turm noch eine Stube für den Gefangenenwärter und den Feldschütz, die als Aufenthalts-, Dienst- und Schlafraum diente. In einem benachbarten Wachgebäude wurden Untersuchungen und Verhöre durchgeführt. Darüber hinaus kontrollierte der Gefangenenaufseher die Personen, die das Stadtgebiet betraten oder verließen wie durchreisende Kaufleute und Handwerker.

Einige Kriminalfälle sind aus der Stadtgeschichte noch überliefert:
1618: Einlieferung der Untertanen Tonchen aus Gensungen und Windhaus aus  Melgershausen in das Gefängnis von  Felsberg wegen Schafdiebstahls
Verhaftung von G. Schmitt aus Heßlar wegen Diebstahls in Fritzlar
1660: angebliche Ermordung des Johann Jung zu Felsberg durch
Heinrich Eisenbart aus Niedervorschütz
1676: Inhaftierung des Pferdediebes Johann Heinrich Becker aus Felsberg
1738: Beleidigung des Regierungsrates von Wulff durch Johann Arber aus Felsberg.

Hexenprozesse
Besonders genutzt wurde der Turm am Untertor im Zusammenhang mit Hexenprozessen. Über mehrere Jahre fanden Verhöre und Folterungen an Bürgern aus dem Amt Felsberg statt. Erhärtete sich ein Verdacht, wurden die Angeklagten nach Marburg verlegt, wo man ihnen den Prozeß machte. Der Ausgang war ungewiß: vom Freispruch bis Tod auf dem Scheiterhaufen. Das Merkwürdige: Für Essen und Trinken mußten die Gefangenen oder deren Familien selbst aufkommen.

Gefängnis am Fuß der Burg

Das erste Gebäude , das in Felsberg seiner Aufgabe von der Planung her als Gefängnis gerecht werden sollte, war das Haus Bessenhof 1, heute noch in der Bevölkerung unter der Bezeichnung „Altes Gefängnis“ bekannt.
Entworfen und ausgeführt wurde es von Johann Bromeis . Er war vermutlich der bekannteste Architekt, der in Felsberg seine Spuren hinterlassen hat. Er lebte von 1788-1855. Als Architekt des Klassizismus war er Oberbaudirektor des Kurfürsten Wilhelm von Hessen Kassel. Bekannt wurde er durch Arbeiten am Schloß Wilhelmshöhe hier am Gewächshaus, bei der Neukonzeption Innenausstattung Schloß Fasanerie Eichstedt sowie am Schloß Beberbeck. Zumindest zu Beginn seiner Schaffensperiode war seine Arbeit geprägt vom Einfluß des französischen Empirestils wie er im Königreich Westfalen verbreitet war. Daß er einen Entwurf für das Gefängnis Felsberg anfertigte, mag eher verwundern, da er sonst mehr repräsentative Gebäude konstruierte oder auch nach dem Zeitgeschmack veränderte.

Der Entwurf zum Gefangenenhaus, so die exakte Fachbezeichnung, stammt aus 1819. Das Grundstück hierzu gehörte ursprünglich zu dem prächtigen Burgmannensitz „Zum Bessenhof“. Die mögliche Bauausführung erfolgte 1820 in massiver Steinbauweise. Die Fundamentmauern bestanden aus Basalt und die anderen Mauern aus Sandstein.  Das 2. Stockwerk wurde 1838 aufgesetzt und sogar noch um ein 3. Stockwerk 1890 erweitert. Die Erhöhung der Räumlichkeiten spricht für einen wachsenden Bedarf an Gefängniszellen. Die Anordnung der Räume wurde fast beibehalten und hatte sich für den ländlichen Bedarf bewährt.

So werden zwei Zellen im Laufe der Zeit beseitigt und eine breitere Treppe angelegt. Ergänzt wird die bauliche Maßnahme durch eine Küche für den Gefängniswärter. Insgesamt ist der Bau von rustikaler Zweckmäßigkeit und Funktionalität geprägt.

Über die Inhaftierten und die Strafen sagen die Quellen wenig aus. Man muß davon ausgehen, daß die Haftzeiten eher gering waren. Das Wachpersonal dürfte mit 3 Männern besetzt gewesen sein. Die Insassen saßen wegen weniger schweren Delikten hinter Gittern:
Betrug, Beleidigungen Diebstähle, Wildereien und Raufereien.
Der Alltag der Gefangenen dürfte sehr triste und eintönig gewesen sein.
Das Gefängnis erfüllte bis 1931 seinen Zweck, der letzte Aufseher war Justizoberrat Ohlwein. Heute befindet sich das Gebäude mit dem dazu gehörigen Grundstück in Privatbesitz und stellt mit Stadtkirche, Bessenhof und Ratskeller den Teil eines stadtbildprägenden Ensembles dar.

        

Fotos: Turm am Untertor, ehemaliges Gefängnis von Felsberg, heute Wohnhaus Archiv H. Poth